Die Stadt ohne Namen...

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Concilio
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Die Stadt ohne Namen...

Beitrag von Concilio » Do 10. Okt 2019, 09:30

Als ich mich der Stadt ohne Namen näherte, wusste ich, dass
sie verflucht ist. Ich reiste im Mondschein durch ein ausgedörrtes und grässliches Tal, und in der Ferne sah ich die Stadt
schaurig aus den Dünen ragen, so, wie Leichenteile aus einem
hastig geschaufelten Grab ragen mögen. Die zeitzerfressenen
Steine dieser altersbleichen Überlebenden der Sintflut, dieser
Ur-Urahnin der ältesten der Pyramiden Stygiens, verhießen Furcht –
und eine unsichtbare Aura stieß mich ab und gebot mir, vor
diesen uralten und unheildrohenden Geheimnissen zu fliehen,
die kein Mensch je erschauen sollte, und die auch kein Mensch
außer denen im Land der Verbannten jemals zu erschauen wagte.
Tief im Inneren der Wüste liegt die Stadt ohne
Namen, verfallen und stumm, ihre niedrigen Mauern beinah
versunken im Sand nie gezählter Zeitalter. So muss es bereits
gewesen sein, ehe der Grundstein zu Valencia gelegt wurde,
und als die Ziegel der Sandsturmlande noch nicht gebrannt waren. Keine
Legende ist alt genug, um ihr einen Namen zu geben oder eine
Erinnerung daran zu wahren, dass jemals Leben in ihr herrschte; doch wird an Lagerfeuern über sie geflüstert und von
greisen Frauen in den Zelten der Turaner über sie geraunt,
sodass sämtliche Stämme sie meiden, ohne genau zu wissen,
weshalb. Dieser Ort war es, von dem Abdul Alhazred, der
wahnsinnige Dichter, in den Nächten träumte, ehe er seinen
rätselvollen Zweizeiler sang:
Es ist nicht tot, was ewig liegt,
Und in fremder Zeit wird selbst der Tod besiegt.
Ich hätte wissen müssen, dass die Turaner guten Grund hatten,
diesen Ort zu meiden, jene Stadt ohne Namen, von der seltsame
Geschichten erzählt werden, die aber noch nie ein lebender
Mensch gesehen hat, und dennoch setzte ich mich darüber
hinweg und zog mit meinem Kamel in die unbetretene Öde
hinaus. Als ich
sie in der schrecklichen Stille endlosen Schlafes erreichte, sah
sie mir kühl unter den Strahlen eines kalten Mondes inmitten
der Wüstenhitze entgegen. Und als ich ihren Blick erwiderte,
vergaß ich meinen Triumph über ihre Entdeckung und stieg
von meinem Kamel ab, um auf die Morgendämmerung zu
warten.
Ich harrte Stunden aus, bis sich der Osten endlich grau färbte
und die Sterne verblassten, und das Grau zu einem zartroten
Leuchten wurde, umsäumt von Gold. Ich hörte ein Seufzen und
sah, wie ein Sandsturm zwischen den uralten Steinen aufstieg,
wenngleich der Himmel klar war und der endlose Wüstenraum
ruhig. Dann erhob sich unvermittelt der grelle Rand der Sonne
über dem fernen Horizont der Wüste, flirrend hinter dem
kleinen, davonziehenden Sandsturm, und in meinem fiebrigen
Zustand glaubte ich, aus irgendeiner unendlichen Tiefe eine
Musik metallener Instrumente heraufschallen zu hören, um
die glühende Scheibe zu. Meine Ohren hallten und meine
Fantasie stand in Flammen, als ich mein Kamel langsam über
den Sand zu dem schweigenden Ort führte; jener Stätte, die
von allen lebenden Menschen nur ich allein erblickte.
Ziellos wanderte ich inmitten der formlosen Grundmauern
von Häusern und Plätzen umher, ohne auf ein einziges in Stein
gemeißeltes Zeugnis oder eine Inschrift zu stoßen, die von den
Menschen kündete, die diese Stadt vor so langer Zeit erbaut
und bewohnt hatten – falls es denn Menschen waren. Das
sagenhafte Alter des Ortes war unerträglich, und ich sehnte
mich danach, ein Schriftzeichen oder ein künstlerisches Werk
zu finden, die bewiesen, dass diese Stadt tatsächlich von
Menschenhand erbaut worden war, denn die Ruinen wiesen gewisse Größenverhältnisse und Ausmaße auf, die mir nicht behagten.
Ich trug eine Menge an Gerätschaften mit mir und führte
zahlreiche Ausgrabungen in den verwitterten Bauten durch;
doch kam ich nur langsam voran und entdeckte nichts von
Belang. Als die Nacht und der Mond wiederkehrten, setzte ein
kalter Wind ein, der neue Furcht mit sich brachte, sodass ich es
nicht wagte, noch länger in der Stadt zu bleiben. Als ich die
alten Mauern verließ, um mich schlafen zu legen, entstand
hinter mir ein kleiner, seufzender Sandsturm und fegte über
die grauen Steine, obwohl der Mond hell leuchtete und über
der Wüste ansonsten alles ruhig lag.
Genau bei Tagesanbruch erwachte ich aus einer Abfolge
schrecklicher Träume und meine Ohren dröhnten wie von
dem Schall metallischer Instrumente. Ich sah die Sonne rötlich
durch die letzten Verwehungen eines kleinen Sandsturms
äugen, der über der Stadt ohne Namen hing, während die
übrige Landschaft völlig ruhig schien. Abermals wagte ich mich
zwischen die brütenden Ruinen, die sich unter den Dünen
abhoben wie ein Zyklop unter einem Tuch, und grub wiederum vergebens nach den Überresten einer verschollenen Rasse.
Gegen Mittag legte ich eine Rast ein und am Nachmittag
verbrachte ich viel Zeit damit, den Mauern und den ehemaligen Straßen und den Umrissen der fast entschwundenen
Gebäude nachzuspüren. Ich erkannte, dass die Stadt in der Tat
einst gewaltige Dimensionen aufgewiesen hatte, und fragte
mich, woher diese Größe gerührt haben mochte. Ich malte mir
die ganze Pracht einer Epoche aus, die so lange zurücklag, dass
die Chaldäer sich ihrer nicht entsannen, und dachte an die Stadt
Sarnath, die Verdammte, die sich im Lande Mnar erhoben hatte,
als die Menschheit noch jung war, und an Ib, die aus grauem
Stein gehauen worden war, bevor das Menschengeschlecht
erstand.
Ganz unverhofft stieß ich auf eine Stelle, wo das Grundgestein
durch den Sand brach und einen niederen Felshang bildete;
und hier traf mein Blick erfreut auf etwas, das weitere Spuren
jener vorsintflutlichen Rasse verhieß. Grob in die Vorderflanke
des Felsens hineingehauen, boten sich unverkennbar Fassaden
diverser kleiner, niedriger Felsenhäuser oder Tempel dar. Ihre
Innenräume mochten womöglich mannigfache Geheimnisse
aus Zeitaltern bewahrt haben, die so weit zurücklagen, dass sie
sich jeder Datierung entzogen, obgleich Sandstürme längst
schon alle Bildhauerarbeiten, die vielleicht einst die Außenwände bedeckten, getilgt hatten.
Die vielen dunklen Öffnungen in meiner Nähe waren alle
sehr niedrig und vom Sand verstopft, doch ich schaufelte eine
davon mit dem Spaten frei und kroch hindurch, in der Faust
eine Fackel, um jedwedes Geheimnis zu erhellen, das sich hier
möglicherweise verbarg. Sobald ich ins Innere vorgedrungen
war, erkannte ich, dass die Höhle wirklich einen Tempel
darstellte und deutliche Spuren jener Rasse aufwies, die hier
gelebt und ihre Riten vollzogen hatte, ehe die Wüste eine
Wüste ward. Primitive Altäre, Säulen und Nischen, alle sonderbar niedrig angelegt, fehlten nicht; und obwohl ich keine
Skulpturen und Fresken sah, gab es doch zahlreiche eigentümliche Steine, die mit künstlichen Mitteln zu symbolischen
Objekten gestaltet worden waren.
Die geringe Höhe der ausgehauenen Kammer war überaus
befremdlich, denn ich konnte kaum aufrecht knien, und doch
war ihre Ausdehnung so groß, dass meine Fackel immer nur
einen Teil vor mir enthüllte. In einigen der entlegeneren
Winkel überrann mich ein sonderbarer Schauder, denn manche
Altäre und Steine ließen an vergessene Riten furchtbarer,
abstoßender und unerklärlicher Art denken und weckten die
Überlegung in mir, welche Sorte Mensch einen solchen Tempel
geschaffen und benutzt haben könnte. Sobald ich alles gesehen
hatte, was der Ort enthielt, kroch ich wieder nach draußen,
begierig darauf, herauszufinden, was die übrigen Tempel wohl
noch preiszugeben hatten.
Die Nacht war jetzt nah, und doch vertrieben die greifbaren
Dinge, die ich gesehen hatte, die Furcht, und meine Neugier
siegte. Deshalb floh ich nicht vor den langen Schatten, die das
Mondlicht warf und die mich mit Angst erfüllt hatten, als ich die
Stadt ohne Namen zum ersten Mal erblickt hatte. Im Zwielicht
schaufelte ich die nächste Öffnung frei, kroch mit einer frischen
Fackel hinein und fand weitere fragwürdige Steine und Symbole vor, jedoch nichts von größerer Aussagekraft als im ersten
Tempel. Der Innenraum war ebenso niedrig, aber viel schmaler,
und er endete in einem winzigen Durchgang, der mit rätselhaften und kryptischen Schreinen verstellt war. Ich schaute mir
diese Schreine gerade genauer an, als das Heulen des Windes
und meines Kamels die Stille durchfuhren und mich hinausriefen, um zu ergründen, was das Tier so verängstigte....

Fortsetzung folgt...

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